Wer ist schuld? ein kleiner philosophischer Ausflug…

Einerseits ist die Frage ganz schnell beantwortet: wir alle! Weil uns so viele Menschen Gutes getan und uns über Generationen hinweg den Weg bereitet haben, sind wir alle Schuldner. Oder auch, weil wir uns so viel genommen, beansprucht haben – berechtigt oder unberechtigt. Schuldbewusstsein in diesem Sinne wird nicht mehr so gepflegt. Als Christ sollte man den Gedanken, dass wir alle Schuldner sind, geübt haben. So heißt es im Hauptgebet: „(…) Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. (…)“

Und der größte Rationalist des Abendlandes schrieb:

Immanuel Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. „Sapere ande!“ „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gern zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. (…..) Selbstdenken heißt: den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d. i. in seiner eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.

Andererseits ist die Schuldfrage überall da, wo wir einen Schuldigen suchen, nicht so leicht zu beantworten. Selten übernimmt jemand die Verantwortung freiwillig, muss hingegen meist sprichwörtlich zur Verantwortung gezogen werden. Und weil wir alle Recht haben wollen, streitet eine steigende Zahl von Juristen dafür, dass uns Recht zugesprochen wird.

„Schuldig“ heißt es dann. Aber ist damit die menschliche Schuldfrage wirklich beantwortet? Gibt es überhaupt Fälle, bei denen nur einer schuldig ist?

Sicher: Was ich versprochen habe, muss ich auch verantworten. Aber wie oft werden Versprechen unterstellt, die ein Mensch gar nicht geben kann, weil die Ereignisse nicht alle in seiner Verfügungsmacht liegen und Kräfte hineinwirken, derer er sich normalerweise nicht bewusst werden kann, denn was regelmässig vergessen wird, das Leben fließt.

Es soll hier nicht ein geordnetes Rechtsleben in Frage gestellt werden, eher seine zunehmende Instrumentalisierung und zunehmende Pragmatisierung bis hin zur bürokratischen Willkür.

Vielmehr geht es um die Beziehung zwischen den Menschen. Denn diese wird durch die Schuldfrage tangiert, wenn nicht sogar wesentlich geprägt. Wir sind heute weniger bereit, jemanden zu entschuldigen.

Es ist ein großer Irrtum – den die Wortwendung „ich entschuldige mich“ nahelegt –, dass ich meine Schuld selbst abstreifen könnte. Vielmehr müssen mich die anderen entschuldigen, wie ich sie. Dies ist das Geschenk untereinander, das die Rache auflösen und Frieden stiften kann.

In einer Welt, in der immer die anderen schuld sind, wenn etwas Unglückliches passiert ist, wird das Glück seltener werden. Dafür gibt es bei uns in Deutschland genug Anschauungsbeispiele. Wird gesiegt, fühlen wir uns alle beteiligt;

geht’s schief, wussten wir es von Anfang an – und auch, wer schuld ist. Und wenn jemand etwas sagt, was wir für falsch halten oder nicht diskutieren wollen, mobben wir ihn oder schließen ihn sicherheitshalber öffentlich aus, dem Rechtsweg zuvorkommend.

In einer Gesellschaft, in der Selbstgerechtigkeit, oft als „Gutmenschentum getarnt,  und populistische (Vor-)Verurteilungen zunehmen und gleichzeitig Toleranz,  Duldsamkeit und Selbstkritik abnehmen, wird es ungemütlicher zum Leben.

Das kann materieller  Wohlstand nicht ausgleichen.

Wie versöhnlich klingt da Erich Kästner: „(…) Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“.

Auch wenn das stimmt, ist es kein Freibrief für Schlendrian und Nachlässigkeit, sondern eine Aufforderung zur gegenseitigen Achtsamkeit und Respekt.

Ein gutes Leben ist ein friedliches Leben,
und das wünscht Ihnen

Uwe Paul

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